Trumpokalypse

Die ersten 24 Stunden

Trump tritt eine Lawine los

Von 

Bastian Brauns

21.01.2025 – 08:58 Uhr

An seinem ersten Tag als Präsident setzt Donald Trump seine radikale politische Agenda um. Durch Washington fegt jetzt ein anderer Wind – zum Polarfrost kommt eiskalter Tatendrang. Und die Demokraten wirken wie gelähmt.

Bastian Brauns berichtet aus Washington

Ein eisiger Wind zieht durch die schneebedeckten, spiegelglatten Straßen Washingtons. Sirenen schrillen, das Rattern der Helikopterrotoren durchpflügt die Luft. Soldaten, Polizisten und Nationalgardisten stehen an Zäunen, Pollern, Barrikaden. Häuserblock um Häuserblock reihen sich die Menschen, sie alle wollen zu Trump. Männer und Frauen in dicken Mänteln verkaufen Trump-Devotionalien. Gläubige rufen durch Megafone. Und verkünden im Namen Gottes: „Denn auch ihr werdet sterben.“

Amerika zur Amtseinführung. Amerika im Ausnahmezustand. Von den großen LED-Bildschirmen an der Capitol One Arena in der Innenstadt von Washington blickt der alte, neue Präsident und ruft in die Januar-Kälte zu jenen, die nicht hineingekommen sind: „Das wird ein toller Fernsehtag!“ Für seinen ersten Tag zurück im Oval Office verspricht Donald Trump die ganz große Show. Zehntausende seiner Anhänger jubeln – in der Arena, auf den Straßen, in den Kneipen.

Das Schweigen der Demokraten

Nur die Bewohner der US-Hauptstadt sind kaum zu sehen. Der District of Colombia ist an diesem 20. Januar eine vereiste Geisterstadt. Auf den Wegen wandeln Menschen, die hier sonst nicht leben. Nur am Dupont Circle lärmen etwa hundert Leute. Sie tragen Tücher und Flaggen von Palästina – und Schilder, auf denen steht: „Der Sozialismus siegt über den Faschismus.“

Vor acht Jahren, als Donald Trump zum ersten Mal sein Amt als Präsident antrat, trieb der Widerstand noch eine halbe Million Amerikaner durch die Straßen Washingtons. Jetzt ist er zusammengeschrumpft zu einem kleinen Protestnest. Die Demokraten in diesem Land sind still geworden, obwohl der politische Gegner sich radikaler gibt und handelt als je zuvor. Ganz Washington, ganz Amerika, so scheint es, befindet sich in diesen ersten Stunden des Machtwechsels im Trump-Taumel. Die Demokraten wirken gelähmt. Von Widerstand kaum eine Spur.

Nadine ärgert sich über die Agonie des eigenen Lagers: „Wir erleben die Normalisierung, ausgerechnet jetzt, da wir Widerstand leisten müssten.“ Sie hält ein Transparent, das einen mutmaßlichen Mörder feiert: „Luigi before Parasites“. Sie solidarisiert sich mit Luigi Mangione, jenem 24-jährigen Amerikaner, der vor wenigen Wochen Brian Thompson, den Chef der Krankenversicherung United Healthcare in New York erschossen haben soll. Für sie ist er ein Held im Kampf gegen den Klassenfeind eines ausbeuterischen, kapitalistischen Systems ohne Sozialstaat.

Eine Liste wie eine Lawine

Donald Trumps versprochene Unterhaltungsshow wird zur gleichen Zeit nur ein paar Blocks weiter unumkehrbare Realität. Als 47. US-Präsident ist er zurück im Weißen Haus. Im Wahlkampf hatte er auf die suggestive Frage, er werde doch gewiss kein Diktator sein, kokettiert: „Nein, nein, nein, außer am ersten Tag.“ Jetzt sitzt er wieder am mächtigsten Schreibtisch der Welt und unterzeichnet gleich in den ersten Stunden seiner Präsidentschaft an die hundert Dekrete. Genüsslich sagt er vor den laufenden Kameras im Oval Office: „Oh, das ist ein großes Ding.“ Dann greift er nach seinem Füller. Und mit einem Handstreich sind die USA nicht mehr Teil der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Trumps Liste ist eine Lawine. Sie soll alles begraben, alle verwirren und überwältigen. Die schiere Masse an neuen Gesetzen macht es Reportern unmöglich, kritisch nachzufragen, für schnelle Gerichtseinsprüche und Proteste von politischen Gegnern soll keine Zeit bleiben. Aber das wohl entscheidendste Signal von Trump an seine Anhänger ist in dieser ersten Nacht: Politische Gewalt wird verziehen, wenn sie in seinem Namen ausgeübt wird.

Denn der Präsident begnadigt per Unterschrift nahezu alle der mehr als 1.500 Gefangenen vom Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021. Darunter auch den Anführer der rechtsextremen „Proud Boys“, Enrique Tarrio. Verurteilt war er eigentlich zu 22 Jahren Haft. Doch der Verbrecher hat beste Kontakte zu Roger Stone, einem rechtsextremen Berater und Lobbyisten für Trump – und bekennendem Fanboy der „Proud Boys“. Für Trump sind es die treuesten der Treuen. Er nennt sie politische Gefangene und Geiseln.

Trump gilt als Vertrauensperson

In einem kleinen Café neben der Trump-Arena hat Cody Acevedo Schutz vor der Kälte gesucht und macht sich um all das keine großen Gedanken. Er kommt aus Kalifornien und ist extra zur Amtseinführung von Trump angereist. „Diese Temperaturen bin ich nicht gewohnt“, sagt er. Deswegen mag er auch nicht stundenlang anstehen, um die nach drinnen verlegten Presidential Parade anzusehen. Der 23-Jährige mit roter MAGA-Baseballkappe arbeitet bei Starbucks. Über Politik begann er nachzudenken, als sie von ihm im Job verlangten, sich gegen Covid impfen zu lassen. So erzählt er es. Mit 19 habe er noch demokratisch gewählt: „Jetzt aber habe ich mich mit den Dingen beschäftigt.“

Cody ist überzeugt, eine Elite von geldgierigen, korrupten Machthabern in Washington abgewählt zu haben. Dass dafür nun ein Multimilliardär im Weißen Haus sitzt, an seiner Seite Elon Musk, der reichste Mann der Welt, empfindet er nicht als Widerspruch. „Es geht um Vertrauen“, sagt Cody. Donald Trump sage, was er denkt, auch wenn er damit aneckt. „Dafür bewundere ich ihn.“ Bei der Arbeit möge er es auch nicht, wenn Leute nach außen hin nett erscheinen, aber in Wahrheit Böses im Schilde führten. Bei Trump sei es das genaue Gegenteil.

Es geht ums Geschäft

Mitten in dieser vom eisigen Wetter und vom politischen Umschwung heimgesuchten Stadt sitzt Ken Fitzpatrick aus Tennessee in einer Bar beim Public Viewing der Amtseinführung für Trump-Fans. Der frisch vereidigte Präsident hat im Fernseher gerade seine Antrittsrede gehalten und darin den Beginn eines goldenen Zeitalters und eine geplante Landung auf dem Mars verkündet. Fitzpatrick will nicht verraten, für wen er gestimmt hat. Der 50-jährige Unternehmer beteuert, er habe gute Laune, egal ob die Demokraten oder die Republikaner gewinnen. Denn in beiden Fällen verdiene er jedes Mal viel Geld.

Fitzpatrick ist Chef von „Premiere Transportation“, einem Busunternehmen, das seit Jahrzehnten die Wahlkampftouren organisiert – und zwar für beide politischen Lager. „Wir werden immer gebucht“, sagt er. Sogar Hollywood miete seine Wahlkampfbusse für politische Serien wie „Madam Secretary“. Fitzpatrick beschreibt, dass beide Seiten dieses Mal extrem enthusiastisch gewesen seien. Kamala Harris und Donald Trump seien „beide zwei wirklich inspirierende Redner“.

Dass es dieses Mal keine Großproteste gegen Donald Trump in Washington gibt, erklärt sich Fitzpatrick so: „Es scheint so, als würden die Menschen ihm jetzt einen Vertrauensvorschuss geben.“ Weil Trump schon einmal vier Jahre Präsident gewesen sei, trauten die Menschen ihm jetzt mehr zu. „Wir sind keine Diktatur geworden. Er scheint deutlich fokussierter zu sein. Die hohen Beliebtheitswerte spiegeln das wider“, sagt er. In vier Jahren werde es dann neue Wahlen geben, mit neuen Chancen. „Das ist gut für Amerika. Und das ist gut für mein Geschäft“, sagt Fitzpatrick und grinst.

Washington ist in diesen ersten Präsidentschafts-Stunden voller politischer Überzeugungstäter. Die meisten von ihnen fliegen bereits am Dienstag wieder ab in ihre Heimat-Bundesstaaten. Enttäuscht von der ausgefallenen großen Amtseinführung, aber euphorisiert von Donald Trumps Tatendrang. In der Bar sitzt auch John zusammen mit seinem Ehemann am Tresen. „Diese Wechselstimmung ist gut für das Land“, sagt er. Die beiden haben vergangenes Jahr in Trumps Club Mar-a-Lago ihre Hochzeit feiern dürfen. „Obwohl wir keine Mitglieder sind“, sagt er stolz.

Furcht vor einer Ära politischer Verfolgungen

“Dass Trump gegen Transgender-Personen hetzt…” sollte dem so sein, wäre das nicht OK, ob dem aber so ist weiss Ich nicht. Wobei Ich mittlerweile eh der Meinung bin, dass das Thema vor allem von links viel zu sehr aufgebauscht wird, sieht man sich mal statistisch an wie viele Menschen davon tatsächlich betroffen sind. Es nervt so langsam. Lasst doch die Leute einfach Ihr Leben leben. 

An diesem Tag des Triumphs der Republikaner wirken die Demokraten wie geprügelte Hunde. Mit versteinerten Mienen sitzen Joe Biden und Kamala Harris, zusammen mit Barack Obama, mit Bill und Hillary Clinton direkt hinter dem Rednerpult von Donald Trump inmitten der Rotunde im Kapitol. Der 47. Präsident spricht von „vergangenen vier dunklen Jahren“, die jetzt endlich zu Ende seien. Ab heute, so Trump, seien die USA wieder eine „unabhängige Nation“.

Nur wenige Minuten zuvor hatte Joe Biden noch seine Geschwister und deren Ehepartner präventiv begnadigt. Nach Jahren voller Drohungen hat nicht nur die Biden-Familie Angst vor einer Zeit der politischen Verfolgung. Als letzte Amtshandlung begnadigte Biden unter anderem den früheren medizinischen Berater während der Covid-Pandemie, Anthony Fauci, und Trumps früheren militärischen Stabschef, General Mark Milley. Noch vor der Wahl hatte der eine letzte Warnung abgegeben: Donald Trump sei „der gefährlichste Mann der Nation“ und „durch und durch faschistisch“.

Zu später Stunde findet schließlich doch noch eine hochrangige Demokratin ihre Worte wieder. Nancy Pelosi, die langjährige Sprecherin des Repräsentantenhauses, veröffentlicht eine Presseerklärung zu Trumps Begnadigungen der Gewalttäter vom 6. Januar 2021. „Die Maßnahmen des Präsidenten sind eine ungeheuerliche Beleidigung unseres Justizsystems und jener Helden, die beim Schutz des Kapitols, des Kongresses und der Verfassung körperliche Narben und emotionale Traumata erlitten haben“, schreibt sie. Der Beschluss des Präsidenten sei „beschämend“ und insbesondere ein „Verrat an den Polizeibeamten, die ihr Leben damals aufs Spiel gesetzt haben“.

Ganz unten an der National Mall, dort, wo Trump eigentlich gerne vor einer großen Menschenmenge gesprochen hätte, steht eine ältere Frau und hält ein rotes Schild, auf dem „Stop Trump“ steht. Auch sie hat eine Erklärung dafür, dass angesichts der radikalen Veränderungen dieses Mal so viel weniger Menschen in den Straßen der Hauptstadt protestieren: „Die Leute sind unfassbar erschöpft und müde“, sagt sie. Das aber bedeute gar nichts. „Im Inneren, da kocht es gewaltig“, ist sie sich sicher. „Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist es mit der Ruhe hier vorbei.“

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_100579238/trumps-lawine-rollt-durch-amerika.html?utm_source=firefox-newtab-de-de

Ein weiterer Vorschlag, der die Tage durch die Medien ging: Trump wird in Gaza Strafen räumen. Alle Palästinenser sehen, umliegende, muslimische Länder umsiedeln und den Gazastreifen besetzen. Das ist doch eine Spitzenidee. Warum wird da schon wieder so auf ihn eingeprügelt?

Siehe dazu auch: 

Historiker Quinn Slobodian

„Musk sieht sie auf dem Müllhaufen der Geschichte“

InterviewVon Marc von Lüpke

Aktualisiert am 22.01.2025 – 12:36 Uhr

Donald Trump regiert erneut die USA, Elon Musk ist an seiner Seite. Welche Pläne verfolgt der Multimilliardär? Es könnte gefährlich werden, warnt Historiker Quinn Slobodian.

Mit Drohungen und Ankündigungen hat Donald Trump schon vor seiner Amtseinführung nicht gespart, nun ist der Republikaner wieder Herr im Weißen Haus. Und Trump ist nicht allein. Der Superreiche Elon Musk spielt ebenfalls eine Rolle in der US-Politik. Was will Trump, aber vor allem: Was will Elon Musk? Und wie dramatisch können Trumps Rückkehr und Musks Weltanschauung die Vereinigten Staaten und damit den Rest der Welt verändern?

Diese Fragen beantwortet Quinn Slobodian, Historiker und Autor der Bücher „Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus“ und „Kapitalismus ohne Demokratie“ im Gespräch.

t-online: Professor Slobodian, Donald Trump ist zurück im Weißen Haus und scheint Landhunger zu verspüren. Fürchten Sie um Ihr Heimatland Kanada?

Quinn Slobodian: Trumps Drohungen sind meist hohl, ich nehme auch seine letzten Äußerungen insbesondere in Bezug auf Kanada so wahr. Er wird von Kanada allein durch wirtschaftlichen Druck bekommen, was er will. Alles andere ist nichts weiter als Getöse und Ablenkung. Es ist doch paradox: Einerseits fordern Trumps Leute eine gesteigerte Effizienz der Regierung und die Kürzung der Bundesausgaben, andererseits träumt er dann von einer territorialen Ausdehnung, die den amerikanischen Staat erweitern und vergrößern würde.

Von den möglichen außenpolitischen Erschütterungen noch ganz abgesehen, die auch Wirtschaft und Aktienkurse in Mitleidenschaften ziehen könnten? Das würde die Marktradikalen, deren Ziele Sie in Ihrem Buch „Kapitalismus ohne Demokratie“ analysieren, wenig erfreuen.

Ja. Allerdings hat er auch genug hart gesottene Leute in seiner Administration – nennen wir sie einmal Kreaturen des Marktes – die ihn wohl stoppen würden, wenn er zu weit geht mit derartigen Vorhaben.

„It’s the economy, stupid!“, brachte es Ex-US-Präsident Bill Clinton 1992 auf den Punkt. In der Gegenwart kann Trump also poltern und drohen, solange das wirtschaftliche Wohlbefinden der Amerikaner nicht gefährdet ist?

Ja. Zahlreiche Amerikaner neigen dazu, mit ihrer Geldbörse zu denken. Trump hat die Wahl gegen Joe Biden 2020 aus einem Grund verloren: Covid-19. Ohne die Pandemie wäre Trump bereits damals wiedergewählt worden. Während seiner ersten Präsidentschaft hat er die Öl- und Gasförderung ausgeweitet, das entlastete die Portemonnaies vieler Amerikaner, während zugleich die Aktienkurse stiegen. Es herrschte – ungeachtet der enormen Ungleichheit im Lande – ein Gefühl von zunehmendem Wachstum und Wohlstand. Trump ritt damals auf einer Welle der wirtschaftlichen Prosperität und wird auch bis heute damit assoziiert.

Zur Person

Quinn Slobodian, Jahrgang 1978, lehrt Internationale Geschichte an der Boston University. Der kanadische Historiker ist Experte für die Geschichte des Neoliberalismus und veröffentlichte mit „Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus“ (2019) und „Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen“ (2023) viel beachtete Bücher zum Thema. Am 15. April 2025 erscheint Slobodians neues Buch „Hayek’s Bastards. Race, Gold, IQ, and the Capitalism of the Far Right„.

Joe Biden und Kamala Harris mussten hingegen die Folgen von Covid-19 und der dramatisch angestiegenen Inflation ausbaden.

So ist es. Wenn Kamala Harris in den letzten Wochen ihres Wahlkampfs populistischere Botschaften in Sachen Wirtschaft bei den Wählern platziert hätte … Wer weiß, vielleicht hätte sie dann tatsächlich den Sieg errungen.

Womit müssen wir nun in den nächsten Jahren rechnen?

Trump ist in allererster Linie ein Entertainer, basierend auf seiner langjährigen und erfolgreichen Karriere im Reality-TV. Seine inkonsistente Politik wird von den Leuten bestimmt, die es geschafft haben, sein Ohr für ihre eigene politische Idee zu gewinnen.

Wer Zugang zu Trump hat, bestimmt also das Geschick der Supermacht USA mit?

Über Trump wurde schon oft gemutmaßt, dass seine Weltanschauung vollständig von der derjenigen Person bestimmt wird, mit der er gerade vor fünf Minuten gesprochen hat. Ich glaube, das kommt der Wahrheit sehr nahe. So bringt es Trump fertig, in der einen Minute feurig über Massenabschiebungen zu sprechen und sich in der nächsten für die Notwendigkeit von H-1B-Visa für hoch qualifizierte Fachkräfte aus Indien auszusprechen. Uns erscheinen derart wilde gedankliche Schwankungen absurd, Trump hat damit überhaupt kein Problem.

Was will Trump aber selbst?

Es gibt keinen inhaltlich kohärenten Trumpismus, weder in politischer noch wirtschaftlicher Hinsicht. Trump ist in gewisser Weise der ideale Populist, eine leere Leinwand, auf die die Menschen ihre eigenen Vorstellungen projizieren können. Stellen Sie sich ihn als eine Lokomotive vor, an die die Leute ihre jeweils eigenen politischen Ideen anhängen. Das macht die Lage so gefährlich. Deshalb sollte jeder, der wissen will, was Trump demnächst tun wird, auf eine Ebene der Administration unter ihm schauen. Denn da sind die Leute, die den Inhalt von Trumps Politik bestimmen.

Elon Musk verfügt im Augenblick über das Ohr von Donald Trump. Der reichste Mann der Welt soll zukünftig die Bürokratie in den USA lichten und die Regierung auf Effizienz trimmen. Was will Musk?

Zunächst stellt sich die Frage, ob Musks neue Institution zur Steigerung der Regierungseffizienz überhaupt irgendeine Autorität haben wird. Denn sie wird kein Teil der regulären Administration sein. Musk wird auf reichlich Widerstand bei regulären Behörden stoßen, die sehr gut wissen, dass es gar nicht so einfach ist, Ausgaben kurzerhand zu streichen, wie Musk sich das wohl vorstellt.

Musk ist zudem kein unabhängiger Akteur, sondern verdient am Staat durch seine Unternehmen wie SpaceX prächtig.

Er hat eine klare Vorstellung davon, was für ihn der Finanzierung wert ist und was nicht. Für Musk ist es kein Widerspruch, das US-Bildungsministerium abzuschaffen und gleichzeitig weitere milliardenschwere Verträge für SpaceX mit der US-Regierung zu schließen. So für den Start von Militärsatelliten. Für Musk gibt es eine Art Hierarchie der Bedürfnisse, die Kernfunktionen des Staates abbildet. Ganz zufällig decken sich diese Bedürfnisse wiederum mit den Bereichen, in denen Musk profitabel aktiv ist.

Während Musk also zahlreiche Ausgaben des US-Staatsapparats rasieren will, plant er weiterhin großzügige Subventionen und Aufträge von Regierungsseite ein?

In letzter Konsequenz will Musk den Mars besiedeln. Was braucht er dazu? Geld, sehr viel Geld. Musk lebt in einer Art Zwischenwelt, es handelt sich um ein mentales Gemisch, basierend auf den sozialdarwinistischen Videospielen, die er zockt, und dem rücksichtslosen Wettbewerb an der Börse. Musk hat eine extreme Weltanschauung, er ist überzeugt, dass sich die Zivilisation im freien Fall befindet und wir Kolonien jenseits der Erde errichten müssen, um als Spezies zu überleben. Wie sollen diese Kolonien dann verwaltet werden? Sicher nicht demokratisch. Musk meint das todernst – und wir sollten ihn ebenso sehr, sehr ernst nehmen.

Musk zieht es zum Mars, ja, was aber plant er bis dahin für die Vereinigten Staaten und die Erde? Nachdem er dabei geholfen hat, Trumps ins Weiße Haus zu befördern, attackiert er nun den britischen Premier Keir Starmer und will die AfD in Deutschland an der Macht sehen.

Liberale Tugenden wie Toleranz oder Mitgefühl sind für Musk nur ein Ausdruck von Schwäche. Niemand kann ihn zur Vernunft bringen, für Musk ist Gier gut …

… „Gier ist gut“ ist ein Zitat des aus dem Film „Wall Street“ von 1987.

Genau. Gier ist gut, Mitgefühl ist nach Musk etwas für Weicheier und Feiglinge. So einseitig lässt sich sein Weltbild zusammenfassen. Die Unterstützung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in der Schule oder die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Vorteile von Impfungen? Derartige Aufgaben, die der Staat erledigt, betrachtet Musk als frivol, so etwas sollte dem Individuum beziehungsweise dem Verbraucher überlassen werden. Zugleich macht Musk aber gerne Geschäfte mit dem Staat, nimmt Aufträge und Subventionen an.

Wie lässt sich Musks Einstellung gegenüber Staat und Gesellschaft einordnen – ist er ein Neoliberaler, ein Libertärer, ein Anarchokapitalist, wie Argentiniens Präsident Javier Milei? Oder eine Mischung aus allem?

Wir könnten es mit etwas anderem zu tun haben. Zunächst stellt sich eine große Frage: Handelt es sich hier noch um eine klassische Vereinnahmung des Staates in Form eines militärisch-industriellen Komplexes, bei der einige reiche Unternehmer noch reicher werden, indem sie den Staat als Kunden haben? Das ist der entscheidende Punkt: Wenn Musk es ernst meint mit seinen Plänen, dann wird es richtig gefährlich. Denn in diesem Fall wäre die Übernahme des Staates nur Sprungbrett zu seiner Demontage und Auflösung.

Wie könnte ein Versuch Musks aussehen, dieses Szenario in die Realität umzusetzen?

Wer etwas Derartiges plant, könnte eine hohe Position in der Beratung der Regierung übernehmen. Was Musk bereits erreicht hat, er soll die Regierung ja beraten. Ein nächster logischer Schritt wäre es, Situationen zu schaffen, in denen die Menschen das Gefühl bekommen, für sich selbst kämpfen zu müssen. Die Grundlagen dafür sind da, etwa indem die politischen und gesellschaftlichen Haltungen immer weiter auseinanderklaffen, dass Städte sich zum Beispiel immer mehr vom Land entfremden. Das wären einige der ersten Schritte.

Welches Ergebnis könnte am Ende stehen?

Mit seinen chaotischen Interventionen könnte uns Musk am Ende ein mächtiges Problem bescheren. Ich spreche von einer Art Verschmelzung von öffentlicher und privater Macht, die zur Auflösung der Zentralregierung führt.

Musks Wahlempfehlung für die AfD ist eine solche chaotische Intervention?

Musk weiß kaum etwas über die AfD und ihre Ziele, aber er liebt disruptive Akteure, unabhängig von ihrem politischen Programm. Musk hat auch kaum Kenntnis über den britischen Rechtsextremisten Tommy Robinson, was ihn aber nicht davon abhält, für Robinson Partei zu ergreifen und sich damit gegen Nigel Farage zu stellen. Musk betrachtet zahlreiche Dinge als Relikte des 20. Jahrhunderts, dazu gehören in den USA Verbrennerautos von Chevrolet ebenso wie die Washington Post oder die CDU und SPD in Deutschland. Musk sieht sie eher auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Ist der 1971 in Südafrika geborene Musk aber nicht auch zu großen Teilen ein Geschöpf des 20. Jahrhunderts?

Das ist er mehr, als man ahnt. Musk verbrachte seine gesamte Kindheit und seine jungen Erwachsenenjahre dort. Er wurde in der späten Zeit der Apartheid sozialisiert und hat danach das Südafrika der Post-Apartheid aus der Ferne beobachtet. Beides prägte Musk ziemlich stark. Einerseits hat er das Gefühl der Unvermeidbarkeit bestimmter Konflikte innerhalb einer sich verändernden Gesellschaft entwickelt, andererseits kam er zu der Überzeugung, dass die Verlässlichkeit staatlicher Behörden in Krisenmomenten, in denen die Menschen sich bewaffnen und sich gegen ihre eigenen Mitbürger zur Wehr setzen müssen, beschränkt ist.

Was folgt daraus?

Zahlreiche weiße Südafrikaner haben eine Bunkermentalität kultiviert, die vor und nach der Apartheid auf Misstrauen gegenüber der schwarzen Mehrheit der Bevölkerung beruht. Es herrscht innerhalb dieser Gesellschaftsgruppe eine ängstliche und stark militarisierte Lebens- und Denkweise. Die Gated Community, die geschlossene Wohnsiedlung, ist für die weiße Mittel- wie Oberschicht und mittlerweile auch für die schwarze Oberschicht Südafrikas ganz normal.

Man wähnt sich also im Belagerungszustand?

In meinem Buch „Kapitalismus ohne Demokratie“ berichte ich über die Vision einer völlig zersplitterten Souveränität, in der private Dienstleister und private Sicherheitskräfte von wohlhabenden Einzelpersonen eingesetzt werden, um sich gegen die umliegende Bevölkerung zu verteidigen. Freunde aus Südafrika haben mir später lebhaft versichert, dass dies keineswegs nur eine dystopische Vorstellung der Zukunft sei, sondern Wirklichkeit.

Erschreckend …

Das ist es. Aus einer solchen Situation ergeben sich zwei Möglichkeiten. Die eine besteht darin, sich dafür einzusetzen, dass sich die Dinge ändern und man eine andere Zukunft gestaltet, in der man keine Angst vor seinen Nachbarn haben muss. Die andere gründet auf der Annahme, dass die dystopische Zukunft unvermeidlich sei und man sich entsprechend darauf vorzubereiten hat.

Im Falle Musks trifft die zweite Option zu?

Absolut. Ich bin mir unsicher, ob er überhaupt zu anderen Denkweisen in der Lage ist. Musks Erfahrungen aus Südafrika korrespondieren mit den Inhalten der Computerspiele, die er spielt. Sie handeln von zersplitterten Welten und Realitäten, in denen man um des eigenen Überlebens willen sofort auf Bedrohungen reagieren muss. Dazu fehlt es Musk an der nötigen Ernsthaftigkeit, mit der Bedeutung und Verantwortung umzugehen, die seine Stellung mit sich bringt. Schauen Sie, welche Dinge er auf X postet. Wie sich die Dinge nun weiterentwickeln werden, kann nur die Zukunft zeigen.

Trumps zweite Amtszeit hat gerade erst begonnen. Können Sie mehr ins Detail gehen, was die nächsten vier Jahre bringen könnten?

Geplant sind geradezu gewalttätige Akte in der Einwanderungspolitik, die wahrscheinlich auf Widerstand von Teilen der Bevölkerung einerseits und auf rechtliche Hindernisse andererseits stoßen werden. Ohne die rund zwölf Millionen illegalen Immigranten, die Trump abschieben will, wird die Wirtschaft auch kaum gut funktionieren. Das wüsste auch Trump, wenn er ein wenig darüber nachgedacht hätte. Neben diesem nativistischen Theater erwarte ich eine wilde Handelspolitik, die auf Sanktionen und Zölle als Waffen einer aggressiven Diplomatie setzt. Geopolitisch wird Trump mit Belohnung und Bestrafung arbeiten.

Also wird es eine gute Zeit für Neoliberale, Libertäre und Nihilisten?

Daran habe ich keinen Zweifel. Es gab im Kalten Krieg zahlreiche politisch engagierte neoliberale Denker und Intellektuelle, die sich vor allem dafür interessierten, wie Herausforderungen von links besiegt und eingedämmt werden konnten. Mittlerweile hat sich die Definition des Neoliberalismus dahingehend geändert, dass dessen Vertreter nun ihr primäres kollektivistisches Feindbild modifiziert haben.

Die neu gewählten Gegner dürften etwa Klimaschützer sein?

Genau. Es sind nicht mehr die Kommunisten, sondern die Menschen, die sich zum Beispiel für Umweltschutz, Feminismus und Gleichheit einsetzen. Darüber schreibe ich in meinem neuen Buch „Hayek’s Bastards“, das im April erscheinen wird. Manche Leute sind froh, dass es einen Trump gibt, den sie etwa als Kämpfer gegen einen kulturellen Marxismus und die Ausweitung des Umwelt- und Klimaschutzes sehen, der das Wirtschaftswachstum abwürgen würde.

Nun hat Musk – bei aller berechtigten Kritik – durch das Vorantreiben der Elektromobilität viel für den Klimaschutz getan.

Darin besteht eine gewisse Ironie. Für Progressive gibt es durchaus Grund zu hoffen, dass Musk in Trumps Koalition bleibt. Erstens ist er eine Kraft für die Energiewende, jemand, der Elektrifizierung und Dekarbonisierung viel offener gegenübersteht als jeder andere in Trumps Team. Zweitens ist er in der China-Politik mehr Taube denn Falke, denn er will auf dem chinesischen Markt bleiben. Musk könnte als Puffer einige der scharfen Kanten des Trump-Programms abrunden. Allerdings wird es spannend, ob die Konflikte innerhalb von Trumps Koalition weiter eskalieren. Der Hardliner Steve Bannon hat sich ja mit Musk bereits in Sachen Immigration angelegt.

Professor Slobodian, vielen Dank für das Gespräch.

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_100572968/usa-unter-donald-trump-und-elon-musk-etwas-fuer-weicheier-und-feiglinge-.html?utm_source=firefox-newtab-de-de

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